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Gründerin Mathilde - Königin und Heilige  

Vor über tausend Jahren...


Hl. Mathilde; Figur am Hochaltar

Mathilde, die erste deutsche Königin, lebte vor über tausend Jahren.
 

Seit einigen Jahren nun lebt der Mathildenver- ein zu Nordhausen. Im November 1999 versam- melte Frau Julia Grosse-Roge Menschen um sich, welche, wie sie, die Fragen hatten, Ant- worten suchten. Warum musste so viel Zeit vergehen? Wusste man nichts von der Königin? Wollte man nichts wissen?

Weiß man zu wenig? So wenig wie von ihrer Zeit, dem Hochmittelalter?


(Anm. d. Red.:

Der  Mathildenverein Nordhausen existiert leider nicht mehr. An sein Wirken erinnert u. a. die auf dem Domhof gepflanzte Mathilden-Rose.)

 

Zu sehen sind Dome, Kirchen, Burgen. Zu lesen ist, was Mönche geschrieben haben. Urkunden bieten scheinbar Genaues. Wissenschaftler bemühen sich.

Doch bleiben Dinge, Ereignisse, Personen unklar, verschleiert, wie hinter einem Nebel.

 

Nahe ist nur eine Heiligenfigur der Königin im Dom zum Heiligen Kreuz. Warum nicht der Mensch Mathilde? Ein weiblicher Mensch. Eine Frau. Dachte sie schon anders als Männer? Anders als die vielen Männer, welche um sie waren? Das wäre außergewöhnlich. Vor über tausend Jahren.  War sie eine außergewöhnliche Frau? Warum war sie es? Was brachte sie dazu?

Ist es möglich, dem Menschen Mathilde näher zu kommen? Kann man sie in unsere Mitte holen?

Der Mathildenverein versucht es. Denn Fragen beunruhigen. Fragen verlangen Antworten. Werden sie gefunden, entstehen daraus neue Fragen. Es wird noch viele Fragen geben. Es muss alles getan werden, um viele Antworten zu finden.

 

(2)

Jn terra summus rex est pro tempore nummus! Zu gut deutsch: Heute ist auf Erden der höchste König das Geld! Vor über tausend Jahren schon ging dieser Spruch von Mund zu Mund. Erscheint er nicht seltsam bekannt? Verändern tausend Jahre so wenig? Oder sind Goldstücke und Münzen mehr als nur Geld? Verleihen sie nicht Macht? Sicher hat ein Herzogssohn namens Heinrich, von seinem Vater Otto nicht unbeeinflusst, schon gewusst, dass Geld auch Macht bedeutet. Hat er deshalb seine Frau Hatheburg mit kirchlicher Billigung fallen lassen, ihr Erbe aber festgehalten? 

 

Brautwerbung

Dieser ostfränkische Heinrich hält dann Ausschau nach einer Braut in Westfalen. Dort lebt eine kleine Mathilde aus der hoch angesehenen, einflussreichen Sippe des Herzogs Widmkind. Ein Vorbild, dieser Herzog. Hat er doch tapfer gegen den Sachsen-schlächter Karl gekämpft. Wird der dreiunddreißig-jährige Heinrich nicht auch kämpfen müssen? Er vermählt sich sehr rasch mit der vierzehnjährigen Mathilde. Liebe auf den ersten Blick? Oder eine politische Heirat mit Blick in die Zukunft? In eine Zukunft Heinrichs als Herzog? Vielleicht sogar als König?.

 

Was fühlte Mathilde an seiner Seite? Sah sie die Annehmlichkeiten der Macht? Die Geborgenheit einer Burg für sich und ihre Kinder? Oder blickte sie anders als Heinrich auf ihre Umgebung? Sah Unterdrückung und Ungerechtigkeit?

Diese Frage ist vielleicht schon eine erste Antwort.

(3) 

Die wilden Reiterhorden der Ungarn unternahmen vor über tausend Jahren ausgedehnte Raubzüge in Richtung Westen.

Traute man Herzog Heinrich eher zu, mit ihnen fertig zu werden als Konrad I.? Wurde er auch deshalb 919 zum König gewählt?

Diese Hoffnung schien sich zu erfüllen. Es gelang ihm, im Jahre 926 einen langjährigen Waffenstillstand durchzu- setzen.

Doch dem König genügte der damit verbundene Machtzuwachs nicht. Er wusste, dass es ihn zu sichern, das Reich zu verteidigen galt. So wurde er zum "Burgenbauer". Bald boten vielerorts Gräben, Wälle mit hohen Palisaden und feste Tore Schutz.

Heinrich ruhte sich auch weiterhin auf seinen Lorbeeren nicht aus. Es waren unruhige Zeiten. Der König wollte seiner Königin Sicherheit geben, und seine Nachfolge ordnen.

Im Jahre 929 erhielt Mathilde als Schenkung die bereits befestigten Orte Quedlinburg, Nordhausen, Pöhlde und Duderstadt. Im gleichen Jahr bestimmte Heinrich seinen Sohn Otto zum Thronfolger. Er wich damit von althergebrachten Regelungen ab.

Wie sah Mathilde diesen ungewöhnlichen Schritt? Wie wird sie die Schenkungen ihres Gemahls verwenden? Wird sie die damit verbundenen großen Einkünfte lediglich für Er- haltung und Stärkung der Macht nutzen? Wieder Fragen, die nach Antworten verlangen.


(4)

„Der König ist tot! Es lebe der König?“ Wurden diese Worte auch schon vor über tausend Jahren gerufen? Zumindest gedacht? Vielleicht. Sicher ist, dass König Heinrich I. am 2.7.936 in Memleben starb. 

 

Königssöhne Otto und Heinrich

Sein Sohn Otto trat sehr schnell die Nach- folge an. Am 7.8.936 wurde er zum König erhoben. Wollte er vollendete Tatsachen schaffen? War bisher so manches verbor- gen geblieben? Wie hinter einem dichten Vorhang? Dramatische Konflikte, Kämpfe, Irrtümer? Drängten sie nun ans Licht? König Heinrich hatte althergebrachte Regelungen beiseite geschoben: Jeder Königssohn ist gleich erbberechtigt. Er hat Anrecht auf einem Teil des Herrschaftsgebietes. Die Rangfolge seiner Geburt ist von höchstem Wert. Heinrich, der zweite Sohn der Königin, nahm dies alles für sich in Anspruch. Es wären seine ureigensten Rechte, so meinte er. Er würde sie nicht aufgeben. Niemals. Seine Chancen standen so schlecht nicht. Wusste er doch seine Mutter hinter sich. Wird es zu einem Kampf zwischen den Brüdern kommen? Zu Verschwörungen? Sogar zu Mordplänen? Viele neue Fragen.


(5)

Das Wort  ,Liebe'  war vor über tausend Jahren recht ungebräuchlich. Die Sippe war bestimmend für eine Ehe, der Nutzen für die Gemeinschaft.  Selbst bei den leibeigenen Bauern.  Ein kirchlicher Segen war noch nicht vonnöten.  Gab es wirklich keine Liebe? Die innige Verbundenheit zwischen Königin Mathilde und ihrem Lieblingssohn Heinrich bezeugt das Gegenteil.  Ist sie nicht beinahe zu groß, diese Liebe? Es scheint so, denn dieses starke Gefühl verdrängt zeitweise sogar das selbstgesetzte hohe Ziel Mathildes, die sie umgebende Flut von Hunger, Armut und Unwissenheit zum Versiegen zu bringen. 

 

Sie denkt wohl, die großen Einkünfte aus den Schenkungen König Heinrichs nach ihrem Belieben verwenden zu können. Auch zur Unterstützung ihres Sohnes Heinrich. Er ist für sie immer der wahre König gewesen.  Sie hat ihn im königlichen Gebärgemach zur Welt gebracht. Bei der Geburt Ottos, des ersten Sohnes und gewählten Königs, war ihr Gemahl noch Herzog.  Die Königin wird hin- und hergerissen zwischen ihren so klar erkannten Vorsätzen und dem eigennützigen Machtstreben Heinrichs. Wird sie aus diesem großen Zwiespalt herausfinden?


(6)

‚Brudermord’. Ein böses Wort. Oder wurde es vor über tausend Jahren kaum verwendet, wenn es um angemaßte Rechte in Machtkämpfen ging? Wie versucht der Lieblingssohn Mathildes sich vor seinem Bruder Otto reinzuwaschen, als die Mordpläne misslungen waren? Als Heinrich, besiegt und verwundet, Otto im Jahre 941 um Gnade bittet? Er schreckt nicht davor zurück, seine Mutter vorzuschieben. Sie soll alles gekauft haben, was er zum Kampf brauchte. Mit Einkünften, die ihr nicht zustehen. War es wirklich so? Oder lügt Heinrich? Doch Otto hört zu. Sein Bruder nutzt den Vorteil. Die Vergeudung der Mutter gehe weiter. Sogar das Erbe der Brüder sei in Gefahr. Schließlich verzichtet er endgültig auf den Thron. Nun verzeiht ihm Otto. Die Freude der Mutter über die Versöhnung ist nur von kurzer Dauer. Beide stehen ihr bald verbündet und feindselig gegenüber. Sie wird von ihnen bespitzelt. Ihre Geldboten zu Klöstern, Stiften, Abteien werden abgefangen. Otto braucht Geld für den Kampf um die Macht des Reiches, für Panzerreiter. Mathilde lässt sich nicht beirren in ihrem Kampf gegen die Reiter der Apokalypse:

 

Hunger, Krankheit, Gewalt, Tod. Es kommt zu einer schlimmen Entscheidung. Königin Mathilde wird auf ihre Heimatgüter verbannt.

 

(7)

Klosterkirche in Phölde

Auch vor über tausend Jahren wurde wohl gern Besuch erwartet. Ein wohlbekannter, lieber Mensch. Oder auch jemand, noch fremd, aber mit heiteren Erfahrungen. Vielleicht auch mit beunruhigenden? Denkt auch Mathilde so, als sie 952 im Kloster Pöhlde den Besuchen ihres vielgeliebten Sohnes Heinrich und ihrer Schwiegertochter Adelheid entgegensieht? Diese war schon Witwe des lombardischen Königs, als sie Mathildes Sohn Otto heiratete. Würde sie nicht aus einer anderen Welt sein als Edgitha, seine erste Gemahlin, der Mathilde die Versöhnung nach Streit und Verbannung zu danken hat? Wie erwartet plaudert Adelheid südländisch heiter über Liebe, Land und Leute. Doch unvermittelt auch tiefernst über den Kampf ihres Gemahls um die Macht in Italien, den sie stets an seiner Seite erlebte, wie auch sein Bruder Heinrich. Wieder allein, kann Mathilde sein Eintreffen kaum erwarten. Es ist nach langer Zeit ein trauriges Wiedersehen. Heinrich leidet bereits seit 941 an einer Pfeilwunde. Ungleich schwerer jedoch belastet ihn die Reue darüber, dass er seiner Mutter einst Böses antat. Auch dient er nun Otto treu als Heerführer, doch geht immer wieder Unfrieden von ihm aus. Seine heilkundige Mutter kann die Schmerzen lindern. Wird sie ihn je von seinen Selbstanklagen befreien können?


(8)

Sieg und Tod liegen auf dem Schlachtfeld dicht beieinander. Ja, das eine bedingt oft das andere. So war es auch vor über tausend Jahren, als 955 die Ungarn sich wiederum wie ein hunderttausendköpfiges Ungeheuer auf Bayern und Schwaben stürzten, und sich am Lech in die Stadt der heiligen Afra verbissen. Würde es König Otto gelingen, sie zu schlagen, diese Gefahr sogar endgültig vom Reich zu wenden? Am Abend des 10.August 955 verkündet Bischof Udalrich dem Land den vollständigen Sieg. Zu Königin Mathilde in Quedlinburg dringen zunächst nur Gerüchte, welche sie ängstigen. Endlich bringt ein Bote Ottos die Gewissheit. Der König lebt. Das Heer soll ihn noch auf dem Schlachtfeld zum Vater des Vaterlandes ausgerufen haben. Doch keine Nachricht von Heinrich! Kämpfte er an der Seite seines Bruders? Siegte auch er? Diese Fragen lassen der Mutter keine Ruhe. Erst viel später trifft sie der furchtbare Schlag. In einem Schreiben teilt ihr Judith, die Gemahlin Heinrichs, seinen Tod in Regensburg mit. Mathilde bricht zusammen. Sie legt die königliche Kleidung, den Schmuck ab. Von nun an trägt sie Trauergewänder. Sie zieht sich völlig zurück. Will nichts mehr hören, niemand mehr sehen. Ist der Verlust zu groß? Sollte das Unmögliche eintreten und ihr das Lebenswerk aus den Händen gleiten?


(9)

Denkt nicht jeder Mensch oft an eine Landschaft? Eine Flussbiegung? An ein Haus hinter Bäumen, welches ihm Geborgenheit empfinden lässt, Vertrautheit, Heimatgefühl? Tauchen nicht sofort viele Erinnerungen auf, beängstigende auch, doch mehr frohe, beglückende?

 

Vor über tausend Jahren war es wohl die Burg in Nordhausen, welche für Königin Mathilde immer mit glücklichen Zeiten, frohen Ereignissen, aber auch mit sehr viel Trauer verbunden ist.  Hier wurde Heinrich geboren, hier spielte er mit seiner Schwester Gerberga, seinem Bruder Bruno. Was liegt näher als der Gedanke, hier ein Damenstift zu gründen, welches sich insbesondere der Bildung junger Frauen widmen soll? Eine Aufgabe, der Mathilde immer mehr Bedeutung zumisst.

 

Ihre langjährige Vertraute Richburga ist die erste Äbtissin dieser  Insel der Fürsorge und des Friedens. Wäre es nicht möglich, dass die Stiftskirche weit in die Zukunft wirkt? Eine große Freude ist es für die Königin, dass sie mit ihrem Kampf gegen Elend und Unwissenheit nicht mehr allein steht.  Sie muss sich nicht mehr gegen Macht durchsetzen! Ihr Sohn Otto nimmt sich all ihrer Stiftungen großherzig an. Mathildes Enkel, in Aachen schon zum Mitkönig gekrönt, verleiht dem Stift zu Nordhausen Markt-, Zoll-, und Münzrecht.

 

Ist dies nun schon der Höhepunkt ihres Lebens?

(10)

Ist nicht die Krönung ihres Sohnes zum Kaiser für eine Königinmutter der Höhepunkt ihres Lebens? Vor über tausend Jahren versammelt sich die ottonische Familie nach dem Reichstag zu Köln im Jahre 965 um Mathilde.

 

Es ist  für sie wohl das schönste Geschenk, dass sie in ihrem hohen Alter noch die Kraft und Ausstrahlung hat, wie eine Sonne zu sein, um die sich alle Mitglieder der Familie bewegen. Adelheid lernt ihre Tochter Gerber- ga kennen, die Königin des westfränkischen Reiches, und ihre beiden Söhne Lothar und Karl. Die Verlobung Lothars mit Emma, der Tochter Adelheids, wird bekannt gegeben. Weitere Hochzeiten werden verabredet.  Mathilde sieht es mit Freude, dass ihre Enkelin die Frau von Adelheids Bruder Konrad sein wird. Für König Otto II. ist an eine byzantinische Prinzessin gedacht.

 

 

Diese kluge Heiratspolitik wird den Ottonen eine große Zukunft sichern.  Mathilde ist glücklich, dass damit auch ihr Lebenswerk Bestand haben wird.  Sie denkt noch nicht an Tod. Doch sie weiß, dass ihrer aller Leben nur ein kurzes ist.  Ihren Sohn Otto, den Kaiser, beschwört sie: Das lange Leben des Reiches sollte der Frieden sein, nicht das Schwert. Ihr jüngster Sohn Bruno, Erzbischof von Köln, segnet sie. Mathilde betet mit der Familie.

 

Dieser Tag ist kein Ende.  Er ist ein Anfang.

 

Helmut Müller (+2005), Nordhausen

Der Nordhäuser Autor und Regisseur Helmut Müller (+ 2005) stellte der kath. Pfarrge- meinde im Jahr 2000 den Text und die Bilder zwecks Veröffentlichung im Internet zur Verfügung.

 

 

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